Fälle aus der Werkstatt

Kategorie: Ausfälle
Erlachdenkmal vor dem Münster

Das Erlachdenkmal
vor dem Münster

Nein, der Ausdruck stammt von einem Brauch im Mittelalter. Ein Leibeigener - und im Mittelalter waren 90% der Landbevölkerung Leibeigene -, der sich ein Jahr und ein Tag in einer Stadt seinem Dienstherrn entziehen konnte, wurde "frei" und Bürger der Stadt. Dieser Rechtsbrauch war sehr wichtig für die Städte, waren sie doch damals immer auf Zuzug vom Land angewiesen. Stellen Sie sich die hygienischen Verhältnisse in den Städten des Mittelalters vor! Wenig mag es da erstaunen, dass die Sterblichkeit grösser war als die Geburtenrate. Und tauchte dann wieder einmal eine Pest auf, konnte es sehr wohl sein, dass die Stadtbevölkerung innerhalb von ein paar Monaten um die Hälfte ihre Einwohner dezimiert wurde.

Brauch war es nun auch in Mitteleuropa, dass der Dienstherr innerhalb dieses Jahres mit zwei Zeugen den Leibeigenen zurückfordern konnte. Das war eine recht aufwendige Angelegenheit und dürfte eine Menge Kosten verursacht haben. Zuerst musste ja der Mann überhaupt gefunden werden, dann musste mit zwei Zeugen in die Stadt gereist, Unterkunft und Essen bezahlt und der Prozess eingeleitet werden - Sie begreifen, dass dieser Rechtsbrauch die Feudalherrn wenig begeisterte.

"Krone Burgunds"

(9) Als Krone im Burgundenreich
Als freier Städte Krone
Als reiner Spiegel, der zugleich
Ganz mal- und mackel ohne
Wird Bern gerühmt allüberall
(Ein Lied oder Spruch über die Gugler, zu Bern gemacht 1376, Eidgenössische Lieder-Chronik vom XIII. bis XVI. Jahrhundert von Ernst Ludwig Rochholz, 1842)

Bern, die junge, aufstrebende Stadt, berufen, die Krone Burgunds zu werden, verschärfte nun die Regeln insofern, als dass der Dienstherr mit sieben statt den landesüblichen zwei Zeugen prozessieren musste. Eine Eigenmächtigkeit, welche den Edlen der Umgebung immer wieder zu Zornesausbrüchen verhelfen mochte. Aber nicht nur dieser Umstand schürte im Feudaladel einen Hass auf Bern, der dann 1339 bei Laupen zum entscheidenden Krieg um die Vorherrschaft im Burgund führte.

Bern konnte bei seiner Gründung durch den Herzog Berchthold V. von Zähringen um 1191 nicht wie andere Städte auf eine jahrhundertealte, ja jahrtausendealte Siedlungsgeschichte zurückblicken und somit auf ein allmählich erobertes Umland. Bis heute liessen sich unter dem Boden der Halbinsel keine Hinweise finden, dass hier einmal die Römer oder gar die Kelten hausten. Nein, Bern dürfte im wahrsten Sinn des Wortes "ins Grüne" gebaut worden sein. Und der Herzog geizte auch noch. Einzig im Bremgartenwald und Forst erhielt die Stadt Land, um Holz zu schlagen.

Doch so ging das natürlich nicht. Mochte der Herzog die junge Stadt bis zu seinem Tode 1218 schützen; ab dann war sie auf sich gestellt und mancher Lokalfürst gelüstete es, ihr Chef zu werden. Bern musste früh lernen, auf eigenen Füssen zu stehen.

Die Historiker bezeichnen die ersten 200 Jahre der Stadt als "Berns mutige Zeit". Doch es war nicht Heldenmut, den die Stadt unheimlich aggressiv sich ein Umland erobern liess, sondern der Mut der Verzweiflung. Die Stadt musste, wollte sie überleben, schnell ein Umland aufbauen, dass sie kontrollierte. Und nicht nur, um den ländlichen Bevölkerungsüberschuss hinter die Stadtmauern zu ziehen. Vielmehr musste die Versorgung mit Lebensmitteln, der Absatz der Produkte und Waren der städtischen Handwerker und Kaufleute sichergestellt werden. Denn die Konkurrenz war gross. Der junge Bärner Märit hatte sich gegenüber jenen von Burgdorf, Thun, Aarberg usw. zu behaupten. Und gerade die Auseinandersetzungen mit der Schwesterstadt Freiburg um den Einfluss im Saaneland endeten immer wieder in kriegerischen Zwisten, bei denen man sich massenweise die Köpfe halbierte.

1339 versuchte dann der untergehende Feudaladel, aufgestachelt von Freiburg, Bern zu bodigen. 15'000 Rittersleute belagerten Laupen, das zum Ärger der Saanestadt seit 1324 zu Bern gehörte. Wie 150 Jahre später bei Murten verteidigte auch hier ein von Bubenberg das Städtchen, bis das Entsatzheer eintraf.

In Bern "war gross Jammer", schrieb der Chronist Justinger. Der Priester Diebold Baselwind predigte Tag und Nacht in der Leutkirche, der Vorgängerkirche des Münsters, die gefüllt war mit betenden Frauen und Kindern. Zusammen mit den Leuten aus dem Oberland, den Innerschweizern (s. Kasten) und den Solothurnern brachte es das Berner Banner gerade auf 6'000 Mann. Item und um es kurz zu machen, Bern schlug das feindliche Heer. Ansonsten - dochdoch, die Geschichte Berns wäre anders verlaufen ...

Glauben Sie nun aber nur nicht, dieser Sieg wäre eine Heldentat gewesen. Denn statt ritterlich sich dem Gegner zu stellen, wurde mit einer von den Innerschweizern importierten Guerillataktik gekämpft. Zuerst flogen Steine, dann stürzte sich die Infanterie auf die verdutzten Ritter und stiess sie mit den neuartigen Hellenbarden von den Pferden. Historisch gesehen übrigens eine sich immer wieder wiederholende Angelegenheit. Napoleon kämpfte mit einer neuen Taktik und eroberte damit Europa, im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg schossen die Trapper aus dem Hinterhalt die stramm stehenden Engländer über den Haufen, Hitler hatte seine Panzer und der moderne Terrorismus bringt selbst die Supermacht USA zur Verzweiflung.

Wie dem auch sei, mit diesem Sieg über den burgundischen Adel begann Bern's Aufstieg zur Grossmacht.

Der Verkauf des Denkmals

Bevor das Denkmal 1961 auf der Grabenpromenade aufgestellt wurde, wurde es noch in einer Werkstatt renoviert. Dieser Umstand soll der Scherenschleifer Känzig, ein Berner Original, dazu benutzt haben, das Monument einer deutschen Filmgesellschaft zu verkaufen. Den ansehnlichen Vorschuss verprasste er in wenigen Tagen.

Der Chronist Justinger schrieb auch - und übrigens rund hundert Jahre später -, dass der Führer der Berner Ritter Rudolf von Erlach gewesen sei. Nun, in jenen Zeiten, wo auch in der Schweiz der Nationalismus seine Blüten trieb und andauend und überall Denkmäler für vermeintliche Heldentaten errichtet wurden, wurde dem "Held von Laupen" und "Retter Berns" hier auf dem Münsterplatz gleich gegenüber dem Hauptportal ein schönes Monument erstellt (1849). Wo es auch bis zum Jahre 1961 stand. Da beschlossen nämlich die Historiker, an der Geschichte des Chronisten zu zweifeln. Und Sie werden verstehen, dass es sich Bern unmöglich leisten kann, auf dem Paradeplatz der Stadt ein Denkmal für einen Ritter zu haben, wo dieser Ritter ja vielleicht sogar gar nicht an der Schlacht teilnahm. Das Denkmal wurde jedenfalls umgehend verschoben und steht heute auf der Grabenpromenade gegenüber dem Stadttheater.

Kästen:

  • Der Verkauf des Denkmals
  • Der Bischof von Basel verteilt an seine Bieler Untertanen 3000 Beile, damit sie die Bäume im Bremgartenwald fällen
  • Der Kaiser und von Tscharner (1913)
  • Die Gegner Berns: Freiburg, die Bischöfe von Lausanne und Basel, die Grafen von Kieburg, Nidau, der Waadt, Greyerz, Neuenburg, Habsburg, die Herren von Valagin usw.
  • Die Kelten und Römer auf der Engehalbinsel
Das Erlachdenkmal vor dem Münster